Die Weinkirche von Jetzelsdorf

l1050051Eine kleine Kirche wird groß, fotografiert man sie aus der Dackelperspektive. Das Pulkautal hat eine Attraktion bekommen, die seinesgleichen sucht. Frau Gisela Bauer, deren Mann Norbert Bauer während unseres Interviews von der Vinitaly aus telefonisch Informationsnachschub anfordert, berichtet gerne von der Entstehung der Weinkirche.       Sie erzählt von Hausgästen, die zur Abendmesse aufgebrochen, rasch wieder zurückgekommen sind und sich sehr verwundert äußerten über die fremdartige Messfeier in der Kirche, bei Musik, Tanz und Wein. Sie sind unwissentlich zu einer Geburtstagsfeier dazugekommen und haben von der Zweckumwidmung nicht gewusst. Auf der Weinkirchen Webseite erfährt man Details und auch Informationen über stattfindende Events. Ja, heute ist sie sozusagen umgeweiht, statt dem Altarbild nancydie gebeamte Multimediashow der Künstlerin und Winzersgattin Nancy Lee Seymann. Auf dem Opfertisch  die jeweils 4 besten Tropfen von 19 Winzern der Gegend. Rundherum Winzer und Verkoster im Einklang. Aus der heutigen Pressemitteilung, gesendet vom Heidi Bauer vom Weingut Christoph Bauer,  entnehmen wir, mehr als 250 Gäste haben das Angebot dieses Wochenendes genutzt. Der Zustrom am Sonntagnachmittag hat die Kirche fast zum Bersten gebracht. Empfangen hat uns Thomas Diem vom Weinbau Diem  und weitergereicht hat uns der schwerbeschäftigte „Rezeptionist“ an Christian Fidler, den wir wenig später gemeinsam mit seinem Bruder Gottfried Fidler fotografieren durften. Er freut sich über das seltene Bild, zu sehr bearbeiten die beiden unterschiedliche Aufgaben im Betrieb. Der Klosterneuburg Absolvent erzählt uns, ohne Ausbildung gibt es keine Förderungen. Das Weitergeben des Wissens von Generation zu Generation ist zwar auch wichtig, aber längst nicht mehr ausreichend. Das bestätigt auch der AgroHAK Mistelbach Absolvent Michael Sailer, dessen Betrieb seit 1674 besteht und der den Kellermeister in Krems machte. Kennen lernen durften wir auch Josef Schicha jun. und seinen fruchtbetonten Blauen Portugieser und Herrn Gerhard Hebenstreit, Absolvent der Retzer Schule, der seine 10 Ha im Vollerwerb bewirtschaftet. Er erzählt von seinem Gelber Muskateller, der zwar extrem typisch, aber besonders  unaufdringlich im Bouquet und eher mit einem Nachhall beim Geschmack ist und seinen beiden DAC Grünen Veltliner „Strasser“ und „Kirchberg“, wobei „Strasser“ auf Sand – Löss, eher zitronig mit 6gr/l RZ auch Leuten gefällt, die fruchtiger und modern lieben, während „Kirchberg“ langlebiger, würziger und dezenter ist und erst im Sommer und Herbst seine Qualitäten zeigen wird. Von der Verkostungsrunde Erich Wiehard, Michaela Vejchoda, Franz Zöch und Doris Mutz bekommen wir die Kostempfehlung für den Gelben Muskateller vom Weingut Hebenstreit. Herr Wiehart beklagt ein wenig die mangelnde Vielfalt bei dieser Präsentation, viele DAC Weine und weniger Sorten, stellt Herr Wiehart fest. Seit 5 Jahren findet diese Veranstaltung statt, und jedes Jahr wird alles schrittweise perfekter. Frau Kitla vom Weingut Kitla war im Gespräch mit ihren Stammgästen Familie Weidinger aus Wien. Das Weingut Kitla ist ein Familienbetrieb, auch ihr Sohn ist als Klosterneuburg-Absolvent bereits im Betrieb tätig. Frau Kitla erzählte mir, dass die Weinbaugebiete rund um Mailberg, Schrattental, Jetzelsdorf und Haugsdorf eine „Rotweininsel“ im Weinviertel sind. Boden und Klima sind hier besonders günstig nicht nur für den verbreiteten Zweigelt, sondern auch für die Sorte Blauburger, eine Züchtung aus blauem Portugieser und Blaufränkisch. Dieser Blauburger ist eine der Besonderheiten im Haugsdorfer Weingebiet. Neben den Roten, produziert das Weingut Kitla selbstverständlich auch die typischen Weinviertler Weißweine, wie Weinviertler DAC (Grüner Veltliner), und hat sich auch als Rheinriesling-Spezialist etabliert. Im Gespräch mit Frau Kitla traf ich Herrn und Frau Weidinger, die erfahrene Weinverkoster sind. Sie finden feine Geschmacksunterschiede heraus, selbst unter den Weinviertler DACs, wobei die DAC Reserve des Vorjahres erst ungefähr im Mai in den Verkauf kommt. Über die Jahre vergleichen die Gäste auch die verschiedenen Jahrgänge, nie ist der gleiche Wein im nächsten Jahr genau gleich. Jeder Jahrgang hat seine Stärken. 2009 ist nicht allzu schwer, hat aber großes geschmackliches Potential, das sich erst nach längerer Flaschenlagerung entfalten wird, erzählen die Weidingers.   Beim Rundgang lernt die Weinreporterin Herrn Michael Hübner  kennen, der aus Braunschweig/Hannover stammt, beruflich nach Wien kam und mit seiner Frau nun seit 10 Jahren in Hadres wohnt. Er erzählte: „Im Laufe der Jahre habe ich einige bevorzugte Winzer aus dem Gebiet kennengelernt, dazu zählt u.a. der ‚Rotweinmacher’ Norbert Bauer. Zum Glück bietet Norbert Bauer auch großartige Weinweine an, die für die Lagerung in meinem eigenen Weinkeller unempfindlicher und besser geeignet sind. Auch in Röschitz bei Retz gibt es sehr gute Weißweine, die ich erst gestern bei einer ähnlichen Veranstaltung verkostet habe.“ Auch erfuhr ich von Herrn Hübner, dass er auch ein Mailberg-Fan ist: „Das Weingut Hagen in Mailberg bietet jetzt auch Fremdenzimmer an, empfehlenswert für alle, die nicht so wie ich hier in der Gegend wohnen. Mein Favorit bei den Rotweinen ist übrigens Hutberg Reserve 2006 von Schöfmann.“   Die Gäste Herr Bauer und Herr Wittek verkosteten gerade mit großer Freude gemeinsam mit Herrn Toifl (Senior des Weinguts Toifl) die Weine. Bei den Weißen war ihr Topfavorit bisher der Weinviertler DAC und der Chardonnay vom Weingut Lutzer.   Nun traf die Weinreporterin ein Ehepaar mit ihren beiden Töchtern aus der Gegend, die gerne alle gemeinsam Wein kosten kommen. Während Herr Ebner für Weißweine schwärmte, zB zählten die Gelben Muskateller von Lutzer, Toifl und Hebenstreit zu seinen Favoriten, bevorzugt Frau Ebner schwere Rotweine. Beides sollte nach ihrem Geschmack vor dem Genuss lang genug in der Flasche reifen. Nach dem Motto – jetzt kosten, in einem Jahr genießen.   Nancy Seymann vom Weingut Seymann empfahl uns Sparky Pink, ein Rosè Frizzante aus Zweigelt und Blauem Portugieser, genau das Richtige für mich, um doch auch noch selbst mit Verkosten zu beginnen. Nancy Seymann erzählte mir: „Die zarte Farbe wird erreicht, indem die Trauben sofort gepresst werden, während der Rotwein im Gegensatz dazu lange in der Maische liegt, wobei Farbe und Tannine freigesetzt werden. Wichtig ist uns, den Sparky Pink so trocken wie nur irgendwie möglich auszubauen – was auch ausgezeichnet gelungen ist!“   Die Berufskollegen Martin Klus und der gebürtige Spanier Carlos Villalain, beruflich seit 10 Jahren in Österreich ansässig, kamen aus Hollabrunn zu Besuch. Herr Villalain erzählte mir, dass er erst in Österreich lernte, Wein als Genussgetränk zu konsumieren. „In Spanien trinkt man zum Mittagessen Wein, nach dem Essen wird die Flasche verschlossen und für das nächste Essen bzw. den nächsten Gast aufgehoben. Ich habe mich in Österreich gut eingelebt und die Gepflogenheiten beider Länder angenommen – trinke zum Essen (wie ein Spanier) und nach dem Essen (wie ein Österreicher),“ fügte er mit einem Augenzwinkern hinzu. Gerne fahren Herr Klus und Herr Villalain auch im Oktober zum Weinkellerfest ins Kürbisdorf Zellerndorf, wenn alle Weinkeller in der Weinkellergasse für die Besucher geöffnet sind. Bei der Haugsdorfer Weinverkostung in der Weinkirche Jetzelsdorf konzentrierten sich die beiden auf die Rotweine. Beim Zweigelt schmeckte ihnen der vom Weingut Zöch besonders gut, die schwereren Cuvèes standen aber noch bevor, und auf diese freuten sie sich schon besonders.  Franz & Franz Zöch produzieren mit ihren noch 2,5 ha zu 80% Rotwein, als Hauptsorte Zweigelt, aber auch Blauburger und Blauen Portugieser und zu 20% vor allem Grünen Veltliner und Weißburgunder. Die Winzerin Elisabeth Dötzl-Strobl presst die Trauben ihrer 9 ha ausschließlich mit der alten Baumpresse und ist damit wohl einzigartig. Josef Dölzl, ihr Mann, ist Polizist und Marketingchef. Einer ihrer Weine, der Kieberer, ein Cuvée vom Blauen Portugieser und Zweigelt, der von Wolfgang Böck (Trautmann) gelesen (geerntet) wurde, hat wohl damit zu tun. An der Wasserbar vis a vis der Würstelbar haben wir Markus Glatzer, Kellermeister von Norbert Bauer kennen gelernt, ein ehemaliger Klosterneuburgschüler, Weinakademiker aus Rust, erfahren im edlen Mendocino County in Kalifornien und Entwickler des Kremayr´schen Weingutes in Tunesien. Da schließt sich der Kreis, er hat uns zu Gisela Bauer geschickt, um den gemischten Satz zu kosten.  

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